Die Gefahr besteht, dass wir Wagner-Buch-Autoren uns im Jubeljahr durch die schier unüberschaubare Flut von Neuveröffentlichungen selbst neutralisieren. Und dennoch gibt es allerhand spannende, neudeutende und kontroverse Erscheinungen. Gerade ist Sven Oliver Müllers „Richard Wagner und die Deutschen“ auf meinem Tisch gelandet, „Eine Geschichte von Hass und Hingabe“. Ich habe das Buch noch nicht komplett gelesen, nur das Kapitel, das auch meinen Zugang zu Wagner betrifft - es geht um das „Public Viewing“ in Bayreuth und die Kino-Übertragungen der Festspiele, die – um es vorweg zu nehmen – für Müller „die größte Niederlage“ sind, „die der alte Wagner post mortem einzustecken hat.“ Das nenne ich: eine Meinung. Und: Gut, dass dieses Phänomen endlich einmal ausgeruht zur Debatte kommt. Denn seit langem fehlt uns ein Diskurs über die Frage, wie die modernen Multimedien (Fernsehen, Kino, Leinwand-Events, Internet etc.) das alte Multimedium Oper gewissenhaft übersetzen.
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Mittwoch, 20. März 2013
Dienstag, 31. Januar 2012
Schulpolitik in Orchestern - lächerlich!
Seit Jahren haben Orchester, Kunsthallen und Theater auf ihr größtes Problem reagiert: die Verdummung deutscher Schüler! Sie wissen, dass Musik, Bildende Kunst und Darstellendes Spiel zu „Kaugummifächern“ verkommen sind. Dass es in Deutschland in keinem Fach so viel Stundenausfall wie in Musik gibt. Und das, obwohl Pädagogen wissen: Musik fördert die Gehirnaktivität, stärkt das Rechnen, das soziale Miteinander, die Konzentration und die Sprachausbildung. Stattdessen wird an Deutschen und ganz besonders an Bremer Schulen versucht, die Hauptfächer zu stärken. Das Land braucht Mathematiker, also wird der Schwerpunkt auf Mathematik gelegt. Meist mit wenig Erfolg. Denn ein guter Mathematiker ist meist auch ein guter Musiker.
Dass nun ausgerechnet der Bremer Bürgermeister Jens Börnsen mit seiner Staatsrätin für Kultur, Carmen Emigholz, die Bremer Kulturinstitutionen auf den Prüfstand gesellt hat und fordert, dass die Kooperation mit Schulen in Zukunft auch juristisch im Auftrag der Kulturinstitutionen festgeschrieben sein soll, ist – mit Verlaub – lächerlich. Die Bremer Kunsthalle und die Weserburg bieten längst selbstverständlich Programme für Jugendliche an, das Theater und die Bremer Philharmoniker ebenso – letztere haben sogar einen eigenen Schülerraum, in dem Kinder täglich unter professioneller Anweisung Instrumente ausprobieren können. Und selbst freie Ensembles wie die Kammerphilharmonie retten der Bremer Schulpolitik seit Jahren das letzte Stück Ehre, in dem sie in einer Schule im Brennpunkt üben und dort auch mit den Schülern zusammenarbeiten! All diese Institutionen brauchen keine „Befehle“ der Politik – sie leben die Weitsicht, die der Politik fehlt, seit Jahren.
Donnerstag, 26. Januar 2012
Die Entertainer und die Oper
Persönlich finde ich es erst einmal charmant, dass jemand wie Thomas Gottschalk noch immer aufgeregt ist. Er will es noch mal wissen und hat Angst, dass Deutschland nichts mehr von ihm wissen will. Und, klar, so richtig zündend ist das neue Vorabend-Format noch nicht: das Altersheim entdeckt Facebook und nimmt Nachhilfe bei der blonden Praktikantin. Und, ja, auch das stimmt: wenn die "Fünf Freunde" aus dem neuen Blyton-Film auf dem Sofa sitzen, wirkt Opa Tommy ein wenig hilflos und ist froh, wenn er die Kinder in der Internetredaktion abgeben und schnell verschwinden kann. Denn in seiner dritten Sendung hatte er noch weitere Gäste: Anna Netrebko und Erwin Schrott.
In den letzten Jahren hat Gottschalk Netrebko, Villazon und Lang Lang entdeckt, um sein Scorpion-Image um das des Bildungsbürgers zu erweitern. Regelmäßig saßen sie auf seinem "Wetten dass..."-Sofa. Immerhin! Gottschalk pilgerte nach Bayreuth und moderierte den "Echo"-Klassik. Und, ja, es ist ehrenwert, dass er die Oper wieder in der Unterhaltungskultur hoffähig gemacht hat. Doch leider tut er das ohne Substanz. So altklug wie er über die Klassik redet ("Ja, ihr Jugendlichen da draussen, das ist auch Musik. Da kann man sich auch mal was schönes anziehen") wird er wohl niemanden in die Konzertsäle locken. Höchstens das angegraute Abo-Publikum, das aber auch ohne Gottschalk kommen würde. Vergangen die Zeiten, als die Fremdsprachensekretärin aus Brüssel bei Kulenkampff noch eine Arie aus "Aida" erkannte!
Bei Gottschalk-Live fragte der Showmaster Schrott und Netrebko, ob sie die Klum kennen. Die Antwort: Nö. Aber die Oper sei doch wie Hollywood: Eifersucht und Liebe. Als Schrott etwas über die Tradition und die Größe des Alten, das immer neu entsteht, sagen wollte, war Gottschalk schon wieder ganz wo anders. Wie die beiden denn ihr Leben und ihre Ehe organisieren...
Mittwoch, 25. Januar 2012
Die Kulturmagazinlüge
Es ist nicht die Sache, sondern eher die Art, die nachdenklich stimmt. Die Berliner Philharmoniker kündigen nicht an, dass sie ihr Programmheft in Zukunft für sieben Euro verkaufen wollen, sondern formulieren es etwas großspuriger. Sie gründen eine neue "Kulturzeitschrift"! Auflage 50.000, in Deutsch und in Englisch. Erscheinungsweise: vierteljährlich. Das bisherige Magazin wird dafür eingestellt.
Man liest diese Nachricht und denkt: Wow! Doch das Orchester verrät auch einige der neuen Inhalte: ein Interview mit Cécilia Bartoli und ein Artikel über Geigen als Geldanlage. Und schon verfliegt das Wow in ein - Nun ja.
Publikumszeitschriften in der Klassik sind wunderbare Erfindungen. Sie können schaffen, was ein Spielplan nicht schafft: potenzielle Zuschauer im Vorfeld begeistern oder Parallelen zwischen der Wirklichkeit und dem Konzertwesen schlagen. Warum werden Künstler eingeladen? Wie begegnen sie den Stücken, die sie spielen? Was bedeuten Beethoven, Mozart und Co. den Musikern persönlich? Texte, Interviews und Bilder können einem neuen Publikum ebenso wie den Abonnenten unsere Begeisterung vermitteln. Sie darauf hinweisen, wo sie die Ohren spitzen können. Hintergründe, Geschichten, persönliche Annäherungen präsentieren - all das, was immer auch in der Musik zu hören ist. Die Geschichte hinter einer Interpretation. Den Menschen hinter einem Künstler. Die Leidenschaft, die nötig ist, um durch Musik zu berühren!
Mittwoch, 18. Januar 2012
Wulff lebt. Die Kunst ist tot.
Als Europa noch von Monarchen regiert wurde, regierte die Vierte Gewalt auf der Bühne. Egal, ob Österreichs Kaiser Joseph II., Emanuele von Italien oder Märchenkönig Ludwig II. - sie alle haben Opern in Auftrag gegeben. Natürlich zensiert, aber durchaus mit politischem Potenzial. Mozart riskierte mit „Le Nozze di Figaro“ immerhin die Missgunst des Adels, Verdi zeigte wie Könige sich durch Privates um Kopf und Kragen regieren, und Wagner führte in „Rienzi“ vor, was einem Volkstribun droht, wenn er sich zum Despoten verwandelt. Wotan, der in Verträge verstrickte Gott, erkannte seine Ausweglosigkeit, wollte die Macht an seinen Sohn und Enkel übergeben, und läutete dennoch die Apokalypse ein.
Keine andere Kunst führt uns so eindringlich vor, dass Macht nicht nur Politik bedeutet, sondern, dass immer und überall das Private mitregiert: das all zu Menschliche, der verführerische kleinen Luxus oder der Schwäche zum ewigen Weib.
Die Oper hat die Mächtigen gefeiert oder ihnen den Spiegel vorgehalten: Schlüpfrige Monarchen wie der Graf Almaviva, die das Recht auf die erste Nacht in „Figaros Hochzeit“ als Staatsziel begreifen, eifersüchtige Regenten wie Verdis Otello und Schwedens Gustav III. im „Maskenball“ oder die Hohenpriesterin Norma, die an ihrem versteckten Privatleben als politische Repräsentantin scheitert.
In der Oper gibt es für Herrscher nur drei mögliche Finale: die unendliche Liebe, den Tod oder die Revolution. Das Aussitzen ist auf der Bühne ebenso wenig vorgesehen wie Skandale um Einfamilienhaus-Kredite und Business-Class-Upgrades. Höchstens der Sommerurlaub eines Staatspräsidenten in einer Unternehmervilla wäre als Opernplot vorstellbar – dafür aber hätte Christian Wulff mindestens mit Veronika Ferres durchbrennen müssen.
Dienstag, 14. Dezember 2010
Antwort auf Holger Noltze
Wie bringen wir Musik unter die Leute? In einem klugen Buch kritisiert Holger Noltze die aktuelle Klassikvermittlung. Heidenreich und Co. machen es sich zu leicht, sagt er. Zu Recht. Aber seine eigenen Gedanken tappen zuweilen ebenfalls in die Leichtigkeitsfalle. Eine Antwort.
Holger Noltze hat ein gutes Buch geschrieben, ein wichtiges Buch, ein Buch, das mit der Vermittlung klassischer Musik abrechnet, mit den dauereuphorischen Musik-Messiasen Heidenreich und Beikircher, mit dem dummen Fernsehen und den überambitionierten Stadttheater-Dramarturgen, mit den plappernden Künstlern und den sparsamen Politikern, mit dem unterbelichteten Schulsystem und ein bisschen auch mit dem Autoren dieses Textes. Sie alle, so Noltze, würden mit gutem Willen das Falsche tun. Während sie die Klassik zu den Menschen bringen wollen, unterfordern sie ihr Publikum. Noltze behauptet, die neuen Klassikvermittler würden in die Welt posaunen, wie leicht und schön, wie ergreifend und wie populär die Klassik sei und dabei das Wesentliche vergessen: dass Musik per se eine Anstrengung bedeutet, dass Bach und Beethoven, Monteverdi und Schönberg Geduld und Ausdauer fordern. Und dass erst diese Anstrengung den wahren Wert der Musik ausmacht. Doch die Botschafter der Klassik würden in ihrer Begeisterung letztlich nur die „Leichtigkeitslüge“ vorantreiben und dabei ungewollt zum Aussterben ihrer geliebten Kunst beitragen. Keine Ausnahmen? Nein!
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