Montag, 13. Dezember 2010

"Ich habe eine dunkle Seele"

Der Tenor Vittorio Grigolo ist herrlich altmodisch: er glaubt an ewige Treue, an die Schönheit der Nacktheit – und daran, dass die Oper uns besser macht.
Er ist der neue Star der Oper. Schon lange hat keiner mehr so echt gesungen wie der Tenor Vittorio Grigolo. In seiner Freizeit schraubt er Autos zusammen oder  kümmert sich um seine Familie. Aber auf der Bühne zeigt er seine dunkle Seele. Ein Gespräch über die Wahrheit der Oper – und darüber, wie sie unser Leben verändert.

Herr Grigolo, es ist 11 Uhr am Morgen – gestern hatten Sie eine Aufführung, und Sie sind gerade aufgestanden. Ist das Leben eines Opernsängers anstrengend?

Ja – aber auch sehr erfüllend. Ich muss allerdings zugeben, dass das Bett am Morgen nach einem langen Opernabend sehr verführerisch ist.





… meist essen Sie nach der Aufführung noch. Das ist langfristig nicht gut für die Figur…
Deshalb sollte man um 11 Uhr aufstehen und sofort laufen gehen.

Tun Sie das?

Um ehrlich zu sein: Nein. Ich habe allerdings einen Trick. Wenn der Wecker klingelt, drehe ich mich um und träume vom Laufen. Bislang hat das gut geholfen.


Sie haben gerade ihre erste CD aufgenommen – die Kritiker jubeln. Bemerken Sie, dass jetzt ein anderes Leben beginnt?

Natürlich, plötzlich sind überall Journalisten, und der Druck wächst – aber mit ihm auch die Begeisterung der Zuschauer. Man merkt schnell, dass der echte Freund eines Sängers das Publikum ist, und – mit Verlaub – nicht der Journalist.

Das ist klug: sie haben die Schuldigen schon gefunden!

Im Ernst, wir leben heute in einer sehr schnellen Welt, und der Klassikzirkus ist rasant geworden. Manager, Intendanten und Journalisten fordern sehr viel. Ich weiß, dass einige Menschen auf den ersten Fehler warten. Und sie werden ihn finden. Schließlich ist heute jeder Auftritt schon am nächsten Tag für die ganze Welt bei „Youtube“ zu sehen. Das ist durchaus mit Stress verbunden. Ich wäre nicht der erste Sänger, der von diesem Druck verschlungen wird. Aber ich habe mir fest vorgenommen, auch in Zukunft „Nein“ zu sagen, wenn ich merke, dass mein Körper oder mein Geist nicht mehr mitkommen.

Man sieht Sie inzwischen nicht mehr nur in den Rollen, die sie singen, sondern auch als öffentlichen Menschen: als Familienvater und als jemanden, der in seiner Freizeit gern alte Porsches zusammenschraubt…

Daran muss man sich tatsächlich erst gewöhnen. Auf der anderen Seite stecken viele Seiten meines echten Charakters auch in den Rollen, die ich singe. Wir Opernsänger sind ja nicht nur Schauspieler. Unser Instrument ist die Stimme. Und sie ist ein Instrument der Wahrheit. In ihr hört man unsere Seele, unsere Lebenserfahrung – und unseren Charakter. Ich kann die gleiche Rolle an zwei Abenden singen. An einem habe ich Liebeskummer, am anderen bin ich glücklich. Und ich bin sicher, das Publikum hört meine echten Gefühle in meiner Stimme. Sie werden unweigerlich zum Teil der Rolle, die ich verkörpere.

Mit anderen Worten: man ist nackt auf der Bühne?

Ich befürchte ja. Aber diese Nacktheit macht den Reiz der Oper aus. Erst wenn wir unsere eigenen Erfahrungen in die Oper einbringen, wird sie glaubwürdig. Erst dann merken wir, dass sie aus unserem Leben kommt, dass sie etwas mit uns zu tun hat. Die Nacktheit besteht ja nicht darin, dass man unsere nackte Haut sieht. Es ist eine schlimmere Nacktheit: wir stehen mit nackter Seele auf der Bühne. Wenn wir singen, sind wir ungeschützt und besonders angreifbar.

Können Sie diese Nacktheit genauer beschreiben?

Zunächst einmal ist die Nacktheit ein natürlicher Zustand für jeden Menschen: Wir werden alle nackt geboren, und unsere Kindheit ist davon geprägt, dass uns nichts peinlich ist, dass wir sein können wie wir sind. Erst wenn wir älter werden, beginnen wir unsere Bäuche unter weiten Kleidern oder Pullis zu verstecken, unsere Narben oder Pickel mit Makeup zu übertünchen – wir verkleiden uns, um unangreifbarer zu sein. All das gilt auf der Bühne nicht. Wir ziehen uns zwar auch Kostüme an, aber nicht, um etwas zu verstecken, sondern um jene dunklen Ecken der Seele auf die Bühne zu bringen, die man sonst nicht sieht.

Haben Sie sich dabei auch schon einmal vor Ihrer eigenen Nacktheit erschrocken? Vor den dunklen Seiten Ihrer Seele?

Ich befürchte, dass ich grundsätzlich eine sehr dunkle Seele habe. Darüber bin ich mir bewusst – und meine Frau auch. Deshalb gefällt es mir besser, in den Rollen die ich singe, das Gute zu suchen: die Liebe, die Hingabe, und selbst die positiven Seiten der bösen Charaktere.

Auf ihrem neuen Album singen Sie mit hohem Risiko. Ihre Stimme kratzt an den Grenzen des Unmöglichen, und steht immer in der Gefahr, zu brechen …

Letztlich ist das Singen wie die Formel 1. Wenn man kein Risiko eingeht, wird man auch nichts gewinnen. Wir müssen unsere Körper und unsere Gedanken an die Grenzen treiben, um das Existenzielle zu spüren. Schönheit allein bringt uns nicht weiter. Weil das Leben an sich nicht schön ist – es ist von der ersten Sekunde an ein Risiko. Deshalb war ich auch einer der ersten Tenöre an der MET in New York, der die Arie des Alfredo in „La Traviata“ in der Originalhöhe gesungen hat. Die meisten Sänger haben Angst davor, zu scheitern und singen einen halben Ton tiefer.

Aber Sie sind furchtlos? Oder nur besser?

Natürlich habe ich auch Angst, die Noten nicht zu treffen. Aber die Angst gehört zu unserem Beruf. Sie ist ein Teil des Ausdruckes der Oper. Wenn wir irgend etwas von der Oper lernen können, dann vielleicht dieses: das Risiko, das Scheitern und die Trauer sind ein Teil der Schönheit unseres Lebens.

Mal Hand aufs Herz: was haben die pathetischen Operncharaktere eigentlich noch mit unserem Leben zu tun? Ein schmachtender Rodolfo, ein wahnsinniger Don José, oder ein Aufreißer-Tenor wie in „Rigoletto“?

Das, was Sie pathetisch nennen, ist eine Tugend aus einer leider vergangenen Zeit. Damals war es nicht so, dass man Entscheidungen getroffen hat, um sie am nächsten Tag über den Haufen zu werfen. Wenn Rodolfo Mimi liebt, findet er es einfach nicht gut, wenn sie sich mit anderen Männern amüsiert. Das widerspricht seiner Moral. Nehmen Sie meinen Großvater. Er hat meine Großmutter auf dem Fahrrad kennen gelernt. Die Ampel war rot, und neben ihm stand diese hübsche Frau. Da hat er ihre Hand berührt, und die beiden haben beschlossen, gemeinsam weiter zu fahren – von diesem Moment an waren sie einander bis zu ihrem Tode treu. Das war 1940.

Und heute ist alles anders?

Heute wollen wir am liebsten vier Leben in einem Leben führen. Wir sind bereit, Freundschaften und Ehen einfach über den Haufen zu schmeißen. Aber die Oper führt uns ein anderes Modell vor. Sie sagt, dass wir unser Leben als Ganzes leben müssen. Mit allen Seelenqualen und Problemen. So altmodisch das klingt: ich finde, dass dieses Lebensmodell wieder sehr modern ist.

Die Oper ist also auch ein Lebensentwurf?

Ja, und wenn Sie wollen auch eine Gebrauchsanweisung für das Leben. Sie erinnert uns an viele Dinge. Auch daran, dass wir verlernt haben, miteinander zu kommunizieren. Das Internet macht alles so schnell und unverbindlich. Selbst im Straßenverkehr schreien wir uns an. Ich selbst habe nach dem Aufstehen oft erst auf meinen Blackberry geschaut, bevor ich meiner Frau „Guten Morgen“ gesagt habe. Irgendwann habe ich beschlossen, das Handy nicht mehr mit ins Schlafzimmer zu nehmen.

Was hat diese Erkenntnis mit der Oper zu tun?

Die Oper lehrt uns, zuzuhören: zwei oder drei Stunden ohne Mobiltelefon, einfach nur dasitzen und Teil einer großartigen Geschichte zu werden. Vielleicht gelingt es uns sogar, die kleinen Opern in unserem eigenen Leben zu finden – zu merken, wie schön jeder Moment sein kann, wie existenziell jede Entscheidung ist, jedes Wort, jedes Stück Aufmerksamkeit.

Sie feiern das Pathos. In der Oper hören wir oft simple, aber große Sätze wie: „Ich liebe Dich.“ Haben wir heute zu viel Angst vor der Größe unserer Gefühle?

Leider ja. Deshalb sage ich jedem: „Ich liebe Dich!“ Ich mag es, Menschen zu berühren, sie zu umarmen. Ich schreibe unter meine Briefe „Küsse von Vittorio“. Wir müssen lernen, unseren Gefühlen wieder Ausdruck zu verleihen. Es kann nicht so weiter gehen, dass wir aus Angst vor emotionalen Enttäuschungen unsere Gefühle abschaffen.

Das klingt schon fast kitschig!

Gut so! Ich liebe den Kitsch! Die Oper kommt aus der Antike, sie ist eine Fortsetzung des Melodramas. Früher dachte man, im Theater eine Art Katharsis zu erfahren, eine Reinigung der Seele. Das Theater kann uns Erfahrungen schenken, die so groß sind, dass sie in unserem eigenen Leben nur selten passieren. Wenn Sie das kitschig nennen – meinetwegen. Ich nenne es: wahrhaftig.

Haben Sie dieses Erlebnis auch, wenn Sie auf der Bühne stehen und singen? Oder sind sie dann zu sehr mit dem Dirigenten, mit der Stimme und der Technik beschäftigt?

Gute Abende sind Abende, an denen man nicht denken muss. Das Denken ist zwar die eigentliche Arbeit eines Sängers, aber sie muss vor der Aufführung stattfinden. Man muss eine Rolle verkörpern, sich über jeden Ton im Klaren sein. Nur dann kann man sich auf der Bühne gehen lassen. Nur dann kommt es zu diesen magischen Momenten, in denen alles fließt und stimmt. Auch das ist wie im Leben.

Wann verlassen Sie Ihre Rollen wieder? Wie lange brauchen Sie, um vom Rodolfo zum Vittorio zu werden, von der Oper in die Realität zu kommen?

Das passiert mit dem Applaus. Der Applaus beendet die Illusion. Mit dem letzten Ton verwandle ich mich von Rodolfo zurück in Vittorio. Dann bin ich wieder ich selbst – aber ich bin nach jedem Abend um viele Erfahrungen reicher, die ich in meinem echten Leben vielleicht nie machen würde. Deshalb behaupte ich auch: die Oper ist eine Kunst, von der wir das Leben lernen können.

Das Gespräch führte Axel Brüggemann

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