Donnerstag, 26. Januar 2012

Die Entertainer und die Oper

Persönlich finde ich es erst einmal charmant, dass jemand wie Thomas Gottschalk noch immer aufgeregt ist. Er will es noch mal wissen und hat Angst, dass Deutschland nichts mehr von ihm wissen will. Und, klar, so richtig zündend ist das neue Vorabend-Format noch nicht: das Altersheim entdeckt Facebook und nimmt Nachhilfe bei der blonden Praktikantin. Und, ja, auch das stimmt: wenn die "Fünf Freunde" aus dem neuen Blyton-Film auf dem Sofa sitzen, wirkt Opa Tommy ein wenig hilflos und ist froh, wenn er die Kinder in der Internetredaktion abgeben und schnell verschwinden kann. Denn in seiner dritten Sendung hatte er noch weitere Gäste: Anna Netrebko und Erwin Schrott.
In den letzten Jahren hat Gottschalk Netrebko, Villazon und Lang Lang entdeckt, um sein Scorpion-Image um das des Bildungsbürgers zu erweitern. Regelmäßig saßen sie auf seinem "Wetten dass..."-Sofa. Immerhin! Gottschalk pilgerte nach Bayreuth und moderierte den "Echo"-Klassik. Und, ja, es ist ehrenwert, dass er die Oper wieder in der Unterhaltungskultur hoffähig gemacht hat. Doch leider tut er das ohne Substanz. So altklug wie er über die Klassik redet ("Ja, ihr Jugendlichen da draussen, das ist auch Musik. Da kann man sich auch mal was schönes anziehen") wird er wohl niemanden in die Konzertsäle locken. Höchstens das angegraute Abo-Publikum, das aber auch ohne Gottschalk kommen würde. Vergangen die Zeiten, als die Fremdsprachensekretärin aus Brüssel bei Kulenkampff noch eine Arie aus "Aida" erkannte!
Bei Gottschalk-Live fragte der Showmaster Schrott und Netrebko, ob sie die Klum kennen. Die Antwort: Nö. Aber die Oper sei doch wie Hollywood: Eifersucht und Liebe. Als Schrott etwas über die Tradition und die Größe des Alten, das immer neu entsteht, sagen wollte, war Gottschalk schon wieder ganz wo anders. Wie die beiden denn ihr Leben und ihre Ehe organisieren...

Vielleicht muss man - ebenso wie mit der Sendung selbst - Geduld mit Gottschalk haben. Aber dass er irgendjemanden mit dieser Art Fragen für die Klassik begeistert, ist ebenso unwahrscheinlich wie die Hoffnung, dass Opa Gottschalk noch irgendwann im Internet zu Hause sein wird. Und so bleibt mal wieder die Erkenntnis: der Wille ist da, doch allein, es fehlt das Wissen - die Fähigkeit, Klassik-Stars wirklich als Werber für die Oper vorzustellen. Die Ahnung, wie innovativ, modern und spannend viele Stadttheater ihre Nchwuchsarbeit betreiben und wie klug, emotional und leidenschaftlich viele Künstler sind.
Ähnlich ist die Sache übrigens bei Harald Schmidt. Der wollte gerade mit Mozarts "Schauspieldirektor" auf Tournee gehen. Die Opernreise musste aber mangels Nachfrage abgesagt werden. Und das hat auch etwas Beruhigendes: Oper verkauft sich eben um der Oper Willen - und nicht als Selbstdarstellungsplattform bildungsbürgerlicher Klugscheißerei!
Lieber Thomas Gottschalk - es gibt noch viele Klassik-Gäste: Quasthoff, Harnoncourt, Rattle, Pape, Villazon .... Lass sie beim nächsten Mal doch einfach reden. Nicht über Heidi Klum, nicht über Dich, nicht über Pillepalle - sondern über das, worüber sie reden können: die Kraft und die Herrlichkeit der Musik. Dann klappt es vielleicht auch mit der Quote. Amen.

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